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INNOVATION BRAUCHT ZWEIFLER

Frei von Zweifel zu sein, fühlt sich in der Regel gut an. Schliesslich tun wir uns leichter, wenn uns keine quälenden Gedanken über die Richtigkeit unseres Tuns piesacken – wenn es nichts (mehr) zu überlegen, zu diskutieren oder zu berücksichtigen gibt, ist daran auch gar nichts verkehrt. Viel wichtiger ist, dass dieser Zustand bewusst herbeigeführt worden ist.

Das heisst: Wenn wir vorher ausgiebig gezweifelt und schliesslich eine Entscheidung getroffen haben. Sind wir jedoch unbewusst völlig frei von Zweifeln, tun wir uns damit oft keinen Gefallen. Denn wir verzichten in dem Fall auf ein wertvolles Regulativ, das uns helfen kann, die Dinge realistischer zu sehen, besser zu entscheiden und neue Möglichkeiten jenseits des Gewohnten ins Auge zu fassen. 

Agilität lebt von Zweifeln

Werfen Sie gedanklich mal einen Blick in Ihr Unternehmen, Ihr Team - wo entstehen oft neue Ideen? In welchen Teams? Oder welchen Personen in Ihrem Umfeld würden Sie Innovation als Stärke zuschreiben?

Ich wage die Hypothese, dass Sie gerade an Menschen oder Teams denken, die kritisch den Status quo hinterfragen oder, selbst wenn Bestehendes funktioniert, sich damit nicht zufrieden geben. Genau diese Eigenschaft machen sich agile Arbeitsweisen zu nutze.

 

In der Scrum-Methodik sind zum Beispiel regelmässige Reviews elementare Bestandteile, die systematisches Hinterfragen des Erreichten fördern. Regelmässige Retrospektiven stärken zudem das Hinterfragen der Art und Weise wie etwas erreicht wurde. 

Doch nicht nur am Ende eines Scrum-Sprints darf gezweifelt werden. Bereits zu Beginn im sogenannten Planning kann man sich mithilfe von "Stretch Objektives" der Kraft des Zweifelns bedienen. Diese Art von Zielen kommt zum Einsatz, wenn sich aufgrund von Abhängigkeiten oder unberechenbaren Faktoren ein Ziel nicht eindeutig als erreichbar während eines Sprints definieren lässt. Es ist also ein bewusstes Zulassen von Zweifeln, welches hilft die Arbeit zu steuern und an Flexibilität zu gewinnen.

 

kleine booster für den alltag

Es braucht keinen durchstrukturierten Scrum-Prozess, um das Zweifeln als bewusstes Regulativ für gute Entscheide und als Mittel für stetige Erneuerung im Alltag zu nutzen.

Kleine Veränderungen in der Arbeitsweise oder der Zusammenarbeit beeinflussen schrittweise das Denken und Handeln und fördern dadurch nach und nach die Entwicklung einer agilen Haltung. Eine Haltung, die Innovationen willkommen heisst!

Probieren Sie es zum Beispiel damit:

 

  • Etablieren Sie das "Motzpapier"
    So funktioniert's: Wenn zum Beispiel ein Konzept, eine Präsentation, ein White Paper, einen Workshop-Ablauf oder ähnliches erarbeitet werden soll, erstellt ein Teammitglied zuerst ein sogenanntes "Motzpapier", also einen ersten Wurf, der seitens Verfasser noch Zweifel zu Qualität und Quantität der Inhalte beinhalten darf. In einem zweiten Schritt werden Teamkolleginnen und -kollegen oder Stakeholder eingeladen, das Papier zu "bezweifeln", sprich zu hinterfragen und konstruktive Feedbacks einzubringen. So stellen Sie sicher, dass unterschiedliche Perspektiven einfliessen und nichts unbedacht bleibt. Wichtig ist einzig, dass wirklich alles hinterfragt werden darf und es kein richtig oder falsch gibt.
  • Hinterfragen Sie - auch grundlos - den Status quo
    Meist hinterfragen wir Bestehendes dann, wenn wir einen Grund dafür sehen oder uns jemand dazu zwingt. Drehen Sie den Spiess um und nutzen Sie zum Beispiel folgende Fragen öfters mal in einem Projekt oder bei Ihren Alltagsaufgaben:
    - Wenn wir heute "xy" noch nicht hätten, würden wir auf den Gedanken kommen es so zu tun, wie wir es aktuell tun? Ist das was wir tun oder wie es ist, plausibel und stellt es nach wie vor eine Ambition dar? Würden wir es genau so tun, wenn wir mehr oder weniger Geld hätten? etc.
  • Nutzen Sie die Feedback-Formel "I wish, I like, I wonder"
    Wir alle kennen Feedback und wissen meist auch, wie gutes Feedback gegeben werden soll. Wenn es jedoch darum geht, ein Produkt oder ein Arbeitsergebnis weiterzuentwickeln, helfen einfache Ich-Botschaften manchmal wenig weiter. Anders bei Aussagen zu "I wonder": Hier dürfen und sollen Zweifel, Vermutungen oder noch offene Fragen geäussert werden ohne dass sie zwingend in die Lösung einfliessen oder als Kritik geäussert werden müssen.

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